Die Neue Medizin der Emotionen
Stress, Angst, Depression : Gesund werden ohne Medikamente


Auszug aus einem Interview

Wie sind Sie auf diese neuen Methoden gekommen, mit denen man Depression, Stress und Angstzustände ohne Medikamente und Psychotherapie behandeln kann ?

David Servan-Schreiber : Ich war Leiter des psychiatrischen Dienstes in einem amerikanischen Krankenhaus, das sich besonders um Patienten kümmerte, die an physischen Krankheiten litten, an Herzkrankheiten usw. Ich interessierte mich sehr für die Wechselwirkung von Körper und Geist, zum Beispiel bei Menschen, die nach Operationen an schweren Angstzuständen litten. Um ihnen besser zu helfen, habe ich nach Methoden gesucht, die wissenschaftlich begründet waren und deren Wirksamkeit bereits bewiesen war, auch wenn man sie in der Schulmedizin noch nicht anwandte.

Und warum wurden diese Methoden nicht angewandt ?

David Servan-Schreiber : Aus einer Menge verschiedener Gründe. Meistens, weil man nicht richtig versteht, wie sie eigentlich funktionieren. Aber aus der Sicht des Kranken ist dieses Verstehen vollkommen unwichtig. Das Entscheidende ist die Wirksamkeit – ohne Nebenwirkungen, ohne Risiken. Um es kurz zu sagen : Ich habe keinen logischen Grund dafür gesehen, den Patienten solche Maßnahmen vorzuenthalten. Nach und nach habe ich versucht, diese Methoden in den Klinikalltag zu integrieren. Und habe gesehen, wie sich ihre Wirksamkeit bestätigte.
Ein anderer Grund, warum diese Methoden vernachlässigt werden, ist : Man hat kein ökonomisches Interesse daran. Jedes Mal, wenn ich ein Antidepressivum verschreibe, sorge ich dafür, dass eine ganze Kette daran verdient : der Apotheker, der Pharmahersteller, sogar die Medizinzeitschriften, weil ja die Pharmaindustrie darauf angewiesen ist, auf ihren Seiten Anzeigen zu schalten...
Wenn ein Akupunkteur Ihnen Nadeln setzt, dann verdient daran lediglich der Nadelhersteller ein paar Cents : das ist alles ! Daher hat man wirklich gar kein Interesse daran, irgend etwas zu verändern.

Ist die Botschaft, die Sie verbreiten wollen, also : Man kann voll und ganz auf Beruhigungsmittel und Antidepressiva verzichten ?

David Servan-Schreiber : Überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich sage ganz deutlich, dass in vielen Fällen Medikamente sehr hilfreich und wichtig sind. Ich verschreibe selbst auch welche. Aber ebenso kann man tatsächlich oft auf sie verzichten.

Woher weiß man, ob man welche braucht oder nicht ?

David Servan-Schreiber : Die meisten Lösungen, die ich vorschlage, sind billig und absolut risikofrei. Alles in allem gehen sie auch recht schnell. Warum soll man es also nicht erst einmal mit ihnen versuchen ? Es gibt natürlich Patienten, für die diese Methoden nicht geeignet sind, weil sie nicht genügend Energie haben, weil sie sich geistig nicht genügend sammeln können, um mit diesen Methoden zu arbeiten – die benötigen dann zunächst eine medikamentöse Behandlung. Das war übrigens auch der ursprüngliche Zweck dieser Medikamente : sie bei allen schweren Erkrankungen anzuwenden, dafür sind sie bestens geeignet. Aber wenn man heute mit Tränen in den Augen zu seinem Hausarzt geht, riskiert man schon, ein Antidepressivum verschrieben zu bekommen.

Wie kann man die sieben Methoden, die ohne Medikamente wirken, zusammenfassen ?

David Servan-Schreiber : Zunächst einmal muss man verstehen, dass wir zwei Gehirne haben : ein emotionales und ein kognitives. Das ist ein in der Neurologie lange bekanntes Faktum, nur hat man dieses Wissen noch nicht für die Psychiatrie und Psychotherapie genutzt. Stress, Angst, Depression und die körperlichen Reaktionen darauf werden vom emotionalen Gehirn kontrolliert. Und dieses Gehirn ist nicht sehr stark an die Sprache und den Verstand angebunden, sondern viel mehr mit den Körperfunktionen verknüpft. Daher setzen diese Methoden vor allem auf die Gefühle und den Körper. Wenn man über den Körper geht, kann man viel leichter an die Gefühle herankommen und auf sie einwirken.

Wirken Antidepressiva ebenfalls auf das emotionale Gehirn ?

David Servan-Schreiber : Ja natürlich, aber viel massiver und mit Nebenwirkungen. Der große Irrtum war es, sich diese Medikamente in ihrer Wirksamkeit wie Antibiotika vorzustellen. Wenn man sich eine Lungenentzündung zuzieht, nimmt man Antibiotika, und nach zehn Tagen ist man wieder gesund. Wenn man eine Depression hat, nimmt man Antidepressiva – aber in 30 bis 50 Prozent der Fälle kommt die Depression wieder, wenn man die Medikamente absetzt. Das heißt, man muss sie weiter nehmen. Was mich an der Beziehung von emotionalem Gehirn und Körper interessiert, ist, die Mechanismen der Selbstheilung zu entdecken. Genauso wie wenn Sie sich schneiden : Die Wunde verheilt von selbst wieder ! Man hat entdeckt, dass das emotionale Gehirn ebenfalls über Mechanismen der Selbstheilung verfügt, und man weiß mittlerweile, wie man sie wirksam nutzen kann.

Interview aus : Questions des Femmes

Weitere Informationen auf David Servan-Schreibers Website http://www.guerir.fr oder http://www.nofreudnoprozac.org

 

© David Servan-Schreiber

Hinweis : Diese Website soll die im Buch "Guérir" enthaltenen Informationen begleiten. Ihr Inhalt ersetzt nicht die Ansicht eines Arztes oder Psychologen. Sie lässt es weder zu, Diagnosen medizinischer Pathologien zu erstellen, noch um medizinische Behandlungen für derartige Pathologien zu empfehlen.